Törn 125.10 Bremerhaven - Göteborg

Start in Bremerhaven

"Hey, wollt Ihr auch auf die Alex?" ertönte es, als wir uns mit unseren Rucksäcken zum Ausgang des Zuges quetschten. Kathis Alex-Jacke hat es verraten: Ja, genau da wollen wir hin. So begann der Törn quasi schon am Bahnhof - Daniela sammelte uns auf, was sich als Glücksfall erwies, hatte sie doch eine komplette Liste sämtlicher in Frage kommender Buslinien parat. Nach der Busfahrt standen wir dann im strömenden Regen und viel zu weit weg von der Alex am Hafen: ein Plan musste her. Gemeinsam gelang das Kunststück, trockenen Fusses bis zur Alex zu gelangen - unter Ausnutzung sämtlicher Dächer und überdachter Überführungen gelangten wir in das Einkaufszentrum. Da Kathi noch eine Kleinigkeit einkaufen musste, warteten wir erfolgreich, denn es hörte auf zu regnen, ja sogar die Sonne zeigte sich. Optimale Voraussetzungen für die letzten Meter bis zur Alex.

 Beim "Check-In" erfuhr ich dann gleich, das ich "Backschaft" habe, und somit zur Unterstützung der Köche für das Eindecken der Messe, die Verteilung der Betriebsstoffe und anschliessend natürlich auch für das Spühlen und Aufräumen eingeteilt bin. Den Job macht Jeder wärend des Törns einmal, warum also nicht gleich. So begann dann für mich ein klein wenig Hetze: Die Koje wollte gebaut werden, der Rucksackinhalt musste wegen der knappen Platzverhältnisse im Pumakäfig in den Spint geräumt werden, unser Topsi Claas beeilte sich, uns die Sicherheitsregeln beizubringen, denn für 17 Uhr war ein Schleusenplatz frei, den wir unbedingt nutzen wollten. Auch der Backschaftsdienst erforderte nicht vorhandene Zeit, und als Highlight qutschen wir uns auch noch samt Schwimmweste durch den Notausstig des Pumakäfigs, und zwar im zappendustern.

Die Schleusenzeit um 17 Uhr konnten wir dann leider doch nicht nutzen, denn ein reisewichtiger Vorgang verzögerte sich: die Proviantlieferung. Unter Anderem wurden auch einige grüne Kisten, gefüllt mit "Fröschen" (auch als Flüssigbrot bekannt) verstaut. Nach dem Abendbrot wurden wir Trainies dann in die Kojen entlassen und uns die Teilnahme am nun für den sehr frühen Morgen geplanten Start freigestellt. So freute ich mich, für meine "0-4" - Wache etwas Schlaf tanken zu können. Der Schlaf dauerte übrigens genau bis zum Ablegen, denn dazu wurde das Bugstrahlruder bemüht. Wird man davon in seiner Koje geweckt und kennt man das Geräusch vorher nicht, erwacht man mit dem dummen Gefühl, grade im Inneren einer schleudernden Waschmaschine aufzuwachen ^^

 Da die nördlichen Winde zunächst das Segeln unmöglich machten, wurde der Unterwasserbesan gesetzt, und so kam bald an Steuerbord die Insel Helgoland in Sicht. Die Wachen nutzen die "Wissenden", um uns "Unwissenden" in maximale Verwirrung zu treiben: Wir sollten die Namen der Segel und deren Bedienung lernen, und vor allem möglichst die Position der Tampen verinnerlichen. Doch die "Tampenjagt" zeigte schnell: hier wird noch die ein oder andere Wiederholung nötig sein. Die Alex stampfte unterdessen tapfer gegen See und Wind nach Nordwest, um möglichst Raum für Segelstrecken zu gewinnen. Und genau dieses Stampfen forderte nun die ersten Opfer: nach weichen Knien gabe es das bekannte Magengefühl, und so Mancher suchte verzweifelt die Lee-Reling, was nicht so leicht fällt, wenn man recht genau in Windrichtung fährt. Immerhin, nun wurde auch gesegelt, und für die Wachen begann ein recht stetiges Manöver: Mithilfe des Messingbesan nach Nordwest, dann Segel setzen und nach Nordost segeln, bis die nahe Küste wieder das Streichen der Segel und das Setzen des Unterwasserbesan forderte.

 

Vorbei an Sylt und entlang der dänischen Küste meldete der Bordfunk immer deutlicher das Etappenziel: Kristiansand. Das freute mich ungemein, war ich doch noch nie in Norwegen, und wollte doch immer schon einmal dahin. Mit dem Weichen der Seekrankheit und dem somit gesteigertem Hunger traf sich unsere 0-4 Wache nach der "Nachtschicht" nun regelmäßig zur Toastschlacht in der Messe: Nach der Wache glühte der Toaster, bis wirklich keiner auch nur noch einen Happen essen konnte. Sogar Pfannekuchen wurden gebrutzelt, und jeden Morgen wurde es später, bis man in die Koje kriechen wollte.

Während der Wachen musste das Ruder und der Ausguck besetzt werden, wir lernten das "Wetter machen", also die Erfassung und die Dokumentation der wesentlichen Wetterdaten, vertieften die "Tampen- und Segelkunde", lernten die Bedeutung verschiedenster Positionslichter und Signalflaggen und schälten auch mal eben einen ganzen Sack Kartofeln. Im Wesentlichen war es aber der ständige Wechsel zwischen Segeln und Maschinenfahrten, der für ausreichend Beschäftigung sorgte, so dass die Wachzeiten wie im Fluge vergingen und recht Bald die Einfahrt nach Kristiansand zu bewundern war.

So schön die Einfahrt auch war, der Hafen selber bot wenig Sehenswertes, denn soweit das Auge reichte erblickte man Industrieanlagen,  die zwischen die von Wasser und Wind rund geschliffenen Felsen  eingebaut waren. Die ersten Schritte an Land waren ernüchternd: Irgendwie schwankt alles, und das mulmige Gefühl im Magen meldete sich zaghaft. Obwohl die Alex festgemacht nur kaum merklich schwankte, war an Bord sofort alles wieder im Lot. Das herrliche Wetter war eigentlich wie gemacht für einen Landausflug, jedoch drehten wir nur eine kleine Runde und kehrten bald an Bord zurück - ein Sonnenbad an Deck war sehr viel angenehmer als ein Landgang. Da die Anreise nach Kristiansand aufgrund der Wetterverhältnisse etwas länger gedauert hat, legten wir auch noch am selben Tag ab und fuhren Richtung Skagerrak. Der Wind war eher zurückhaltend, aber von der Richtung her brauchbar, und so wurde "Vollzeug" angeordnet: Alles setzen, was zum Segeln taugt. Unser Topsi gab sich alle Mühe, die 0-4er zu Motivieren, und es gelang: wir konnten um 15:59 Uhr unter Vollzeug an die nächste Wache übergeben.

Doch der Wind wurde immer träger, die See immer glatter und die Sonne immer kräftiger: mittem im Skagerack dümpelte die Alex nun auf der Stelle. Diese Ruhe nutzte unser Kapitän für eine "Mann-über-Board" - Übung: Geschicktes Brassen und das streichen einiger Segel stoppt die Fahrt, und mit der "Weser" wird der zu Übungszwecken über Board geworfene Fender nach nur 15min "gerettet". Als Belohnung wird nun wieder fast Vollzeug gesetzt (nur der Flieger wurde wohl übersehen), und die "Fotosafari" begann: In kleinen Gruppen wurde nahezu die ganze Besatzung eine Runde um die Alex gefahren, was ein paar schöne Bilder ermöglichte.

Von Wind keine Spur, dafür reichlich Sonne, so quetschte sich die gesammte 0-4er Wache in die Stamm-messe. Da sich unser Topsi doch wirklich negativ über unsere Gesangsfähigkeiten äusserte, beschlossen wir, für ihn als kleine Aufmerksamkeit zum Kapitäns-Dinner sein "Lieblingslied" zum Besten zu geben, natürlich mit angepasstem Text. Trotz (oder grade wegen?) akutem Sauerstoffmangel in der Stammmesse erreichten wir die kreative Phase, hatten erstaunlich flott einige nette Strophen gedichtet, und konnten recht zufrieden den wahnsinnigsten Sonnenuntergang geniessen, den ich jemals sah.

 Da der Wind nach wie vor durch Abwesenheit glänzte, mussten die Maschinisten nach einer kurzen Nacht dem Unterwasserbesan Beine machen, damit wir wie geplant vor Göteborg auf Reede vor Anker gehen, und das "Kapitäns-Dinner" in Angriff nehmen konnten. Zuvor allerdings wurden noch drei Prüfungen abgenommen, dank der guten Vorbereitung konnten die Prüflinge zum Abend Ihre "Leichti-Urkunden" entgegen nehmen. Nachdem Alle ausgiebig geschlemmt haben und den Backschaftsdienst der Topsis maximal nutzten, wurde der Abend zunehmend gesellig. Einige neue Erfahrungen wurden gemacht: Unter anderem war zu bewundern, wie man in einer total überfüllten Pantry zu einer Zigarette kommt, ohne dabei die Schiffsregeln zu verletzten. Die spühlenden Steuermänner erfuhren ausgesprochen ausführlich, was passiert, wenn man mit der Spritze aus dem Pantry-Bulleye feuert und dabei den Bootsmann trifft. Oder wie man aus der Hamstertasche in den Pantry kommt, wenn die Tür verstopft ist, selbst wenn man fast 2m groß ist... und so gesellte sich zu dem Muskelkater in Armen und Beinen auch noch Lachmuskelkater im Bauch.

Am folgenden Tag begann nun zunehmend der traurige Teil der Reise: Einlaufen in Göteborg, das Großreinemachen, was dank erstaunlich funktionierender Selbstorganisiation im Handumdrehen erledigt war. So blieb noch Zeit für eine kleine Erkundungstour in die Stadt. Für den folgenden Abreisetag war ich wieder für den Backschaftsdienst eingeteilt, so dass ich am Abend noch meinen Rucksack packte - was eine gute Entscheidung war, denn am folgenden Tag liess die Backschaft kaum Zeit die Koje aufzuklaren, das Packen des Rucksacks wäre in dem Troubel im engen Pumakäfig die Hölle gewesen. Und auch die Küche verlangte noch nach Hilfe zur Generalreinigung, die neuen "Backschafter", die eigentlich ab Mittag übernehmen sollten, waren nicht in Sicht... und so verstrich die Zeit, bis Kathi und ich die Alex verlassen mussten, wie im Fluge. Als "Trostpflaster" gab es wenigstens noch eine Überanchtung auf einem andren ehemaligen Segler, der Bark Vicking, die als Hotel umgebaut unweit der Alex festgemacht war.

Nach der etwas gedrängten Übersicht auf der Alex genossen wir so besonders ausgiebig die Luxus-Duschen des Hotels, erkundeten das nahe Einkaufszentrum und lernten, das im Schwedischen doch viele Wörter dem Deutschen ähnlich sind: Apotheke heisst "Apoteka" und Erkältung "Verkyling", gegen Fieber hilft auch in Schweden Parazetamol und die bemühte Apothekerin zauberte nach kleiner Vorführung auch den passenden Schleimlöser zum Husten hervor. So konnte die "Alex - Seuche", eine kleine aber gemeine Erkältung, die sich durch die ganze Mannschaft gefressen hatte, ausreichend bekämpft werden. Nach einer erholsamen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück besuchten wir das Deck der Vicking (wow ist die groß!), und hatten dann das unverschämte Glück, der Alex beim Auslaufen zusehen zu können. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge winkten wir der Alex nach und machten uns dann mit etwas schwerem Herzen auf die Heimreise, eine 14h - Zugfahrt, bei der wir unverhofft noch ein weiteres Schiff besuchten: die Fähre "Deutschland". Eine zweifellos schöne Fähre, doch wie wenig kann das Hochglanzholz dort der Alex das Wasser reichen! Die Alex hat eben ihren eigenen, ganz besonderen Reiz. Und so steht der Entschluss fest: wenn irgend möglich wollen wir auch im nächsten Jahr noch einen Törn auf der "alten Alex" machen, bevor diese neue Aufgaben übernimmt und durch die "Alex 2" abgelöst wird.